Arbeit:Leben

Seit jeher markiert und organisiert Architektur Räume der Produktion, formuliert strukturelle wie symbolische Ordnungen, die nach innen wie nach außen wirken. Es ist dabei egal, ob die Arbeitsgemeinschaften von einem/einer quasi-transzendenten HerrscherIn oder UnternehmerIn von außen gesetzt werden oder ob es selbstorganisierte Interessensgemeinschaften sind, die Architektur rahmt. Die Exklusivität der Produktionsräume ist in unterschiedlicher Art und Weise konzipiert, jedoch immer durch Verhaltensmaßregeln und Kodices reglementiert. Sie werden zudem seit jeher in Relation zum Leben – zum Wohnen und zur Freizeit – definiert. Ihre innere Logik entsteht zunächst in Abgrenzung dazu, gleichzeitig werden aber Aspekte des Lebens in ihr etabliert. So sind Produktionsstätten auch Designs, die Arbeitsbedingungen der versammelten Arbeiter und Arbeiterinnen in Differenz zu vorhandenen Lebensbedingungen modifizieren.

Brennpunkt moderner Produktionsräume ist das Arbeitsleben des Menschen, dessen Arbeitskraft an einfache, dynamische oder energetische Maschinen oder auch kyber-netische Apparate und Computer angeschlossen ist.1 Im Innenraum wird die Arbeitskraft hervorgebracht und nimmt dort idealerweise zu. Dabei geht es mit den Mitteln der Architektur darum, eine Gruppe von Menschen zu versammeln und deren Arbeitsleben anzureichern, es produktiv zu machen, zu maximieren, es zu komponieren und zu administrieren.2

Arbeitsarchitektur ist Teil diskontinuierlicher Prozesse der Subjektivierung, denen entsprechend sich ArbeiterIn, LeistungsträgerIn, ArchitektIn, UnternehmerIn als Subjekt „das heißt als rationale, reflexive, sozial orientierte, moralische, expressive, grenzüberschreitende, begehrende etc. Instanz zu modellieren hat und modellieren will“,3 und stellt mithin nicht einfach bloß neutralen Raum bereit, sondern ist als Praxis direkt auf Subjekte ausgerichtet. Als Mittel der Subjektivierung ist sie Teil einer Organisation und Repräsentation von Produktion, die das Leben durch Arbeitszeiten und Produktionszyklen rhythmisiert, organisiert und strukturiert und gleichsam die Arbeitsverhältnisse und Produktionsbedingungen spiegelt und auf sie einwirkt. So kann Arbeitsarchitektur als ein spezielles Konfliktfeld verstanden werden, das für die Produktion von Subjekten mitkonstituierend ist, wie sie im vorliegenden Heft von dérive anhand zeitgenössischer Beispiele verhandelt wird.

Die in diesem Heft vorgestellten Untersuchungen beleuchten spezifische zeitgenössische Formen einer sich verändernden Architektur der Arbeit, in der Arbeit und Leben zunehmend konvergieren, was seit den 1960er Jahren in den Zentren des Kapitalismus vermehrt im Diskurs thematisiert wird. Der Philosoph Antonio Negri und der Literaturwissenschafter Michael Hardt beschreiben diese Veränderungen als Übergang vom Massenarbeiter zum gesellschaftlichen Arbeiter. In Anlehnung an den (und gleichzeitiger Distanzierung vom) italienischen Philosophen und Operaisten Mario Tronti4 nennen sie dies die gesellschaftlichen Fabrik:

„Die Verallgemeinerung des Fabrikregimes ging einher mit Veränderungen in der Art und Qualität der Arbeitsprozesse. Arbeit heißt in den gegenwärtigen metropolitanen Gesellschaften mit ungebrochener Tendenz immaterielle Arbeit – also intellektuelle, affektiv-emotionale und technowissenschaftliche Tätigkeit, Arbeit des Cyborg.“5


Exzerpt aus dem Artikel Arbeit: Leben von Andreas Rumpfhuber, dérive No.34

 


1 Vgl. dazu Deleuze, Gilles (1993): Kontrolle und Werden, in: Ders.: Unterhandlungen, 1972-1990. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 243-253 (zuerst publiziert in: Futur antérieur, Nr.1, Frühjahr 1990). Im Gespräch mit Toni Negri exemplifiziert Deleuze den Übergang von den Disziplinargesellschaften zu den Kontrollgesellschaften. Dabei assoziiert er mit jedem Gesellschaftstypen einen Maschinentypen: „Jeden Gesellschaftstyp kann man selbstverständlich mit einem Maschinentypen in Beziehung in Beziehung setzen: einfache oder dynamische Maschinen für die Souveränitätsgesellschaften, Kybernetik und Computer für die Kontrollgesellschaften.“ (S. 251)
2 Vgl. Foucault, Michel (2006): Sicherheit, Territorium, Bevölkerung. Geschichte der Gouvernementalität I. Frankfurt: Suhrkamp (Franz. Originalausgabe: 2004, Vorlesung: 1978), S. 145-150
3 Reckwitz, Andreas (2006): Das hybride Subjekt. Eine Theorie der Subjektkulturen von der bürgerlichen Moderne zur Postmoderne. Göttingen: Velbrück Wissenschaft, S. 10
4 Vgl. Tronti, Mario (1974): Arbeiter und Kapital. Frankfurt: Verlag Neue Kritik,1974 (Italienisches Original: 1966; der Text Fabrik und Gesellschaft wurde erstmals in Quaderni Rossi 2/1962 publiziert), S. 17-40. Zu einer ausführlichen Diskussion Trontis politischer Konzeption in Relation zur Architektur und zu den unterschiedlichen politischen Konzeptionen siehe: Aurielli, Pier Vittorio (2008): The Project of Autonomy, Politics and Architecture within and against Capitalism. New York: Princeton Architectural Press, vor allem S. 31-38
5 Negri, Antonio; Hardt; Michael (1997): Die Arbeit des Dionysos. Materialistische Staatskritik in der Postmoderne. Berlin/Amsterdam: Edition ID-Archiv,(Original: 1994 und 177), S. 14f.