April 2014

dérive - Zeitschrift für Stadtforschung

Ausgabe No.55

Schwerpunkt: Scarcity: Austerity, Urbanism

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Scarcity: Austerity URBANISM

Obwohl sich das kapitalistische System vor allem seit der Finanzkrise von 2007 einer selbst in bürgerlichen Medien formulierten Kritik ausgesetzt sieht, gelten seine ideologischen Grundpfeiler als quasi naturgegebene Wahrheiten, deren Infragestellung in der politischen Alltagsdiskussion nicht vorkommt. Die gerne paraphrasierte Textstelle aus der Einleitung zu Fredric Jamesons 20 Jahre altem Buch The Seeds of Time, wonach es leichter scheint, uns die Zerstörung der Welt und der Natur vorzustellen als den Zusammenbruch des late capitalism, hat nach wie vor seine Gültigkeit. So werden die Vorkommnisse mit Vorliebe als Auswüchse und Skandale thematisiert und 
der Finanzkapitalismus kritisiert, immer in der Hoffnung, mit sauberen und ehrlichen Politiker/inn/en und weniger gierigen Bankern wäre das Problem gelöst.

Die vorliegende dérive-Ausgabe nähert sich der Thematik mit einem grundsätzlicheren Anspruch: Ihr Schwerpunkt hinterfragt einen der erwähnten Grundpfeiler des Kapitalismus, der momentan Hochkonjunktur feiert, und unterzieht ihn einer deutlichen Kritik: Scarcity, die Knappheit, steht im Fokus der beiden Schwerpunktredakteure Michael Klein und Andreas Rumpfhuber, die ihre Forschungen im Rahmen des HERA-Projektes SCIBE – Scarcity and 
Creativity in the Built Environment tätigten.

Wie die beiden in ihrem einleitenden Artikel schreiben, gilt im Kapitalismus die Grundkonstante, dass die menschlichen Wünsche – unabhängig vom Grad der Befriedigung der Bedürfnisse – unendlich, "die Mittel dafür jedoch nur begrenzt verfügbar sind. Knappheit wird damit zum universellen Problem." Klein und Rumpfhuber argumentieren, dass Knappheit "als das fundamentale Argument gegenwärtiger Spar- und Austeritätspolitik" keineswegs "natürlich" ist, sondern erst durch "soziale Prozesse von Zugriffs- und Verteilungsentscheidungen produziert" wird.

So kritisiert Costas Panayotakis in seinem Beitrag 
Scarcity at a Time of Capitalist Crisis die unhinterfragten Annahmen und Voraussetzungen der Knappheitsideologie und zeigt ihre Auswirkungen auch am Beispiel der aktuellen Situation in Südeuropa.

Jamie Peck analysiert den Austerity urbanism, the American way. Er zeigt auf, wie die Auswirkungen der Austeritätspolitik genau von jenen Bevölkerungsschichten getragen werden müssen, denen stets versprochen wurde, dass sie vom angeblichen Trickle-Down-Effekt der neoliberalen Wirtschaftspolitik profitieren würden. Ein Versprechen, das nie eingelöst wurde.

Der Text von Erik Swyngedouw und Maria Kaika holt weit aus und stellt die "galloping planetary urbanization", ihren Raubbau an den weltweiten Ressourcen, die sozio-ökologischen Ungleichheiten und "the depth and extent of environmental degradation" ins Zentrum seiner Analyse.

Loïc Wacquant zeichnet in seinem Artikel für den Austeritäts-Schwerpunkt die Verbannung und Verdrängung der Armen in den letzten Jahrzehnten in Europa und den USA bis zum Status quo der Gegenwart nach, den er als "fortgeschrittene Marginalität" bezeichnet.

Exzerpt aus: Christoph Laimer, Elke Rauth: Editorial, dérive No.55