Deutsche Übersetzung des Textes "The Design of Scarcity" (Strelka Press: 2014)

Jon Goodbun, Michael Klein, Andreas Rumpfhuber, Jeremy Till: Das Design der Knappheit
Studienhefte Problemorientiertes Design 7
ADOCS Verlag, Hamburg: 2018

ISBN: 9783943253139


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Design der Knappheit

Buchcover

Knappheit begegnet uns überall. Knappheit ist  so etwas wie eine eine ständige Bedrohung,  zugleich ist sie eine Wirklichkeit, mit der wir konfrontiert sind. Sie betrifft uns alle und bestimmt unsere ökologische, ökonomische und politische Zukunft. Oft wird sie dabei als Tatsache hingenommen – fast hat man den Eindruck ihr hilflos ausgeliefert zu sein. Aber was, wenn Knappheit gar nicht so unentrinnbar ist, wie sie scheint? Wie könnten wir, in unseren Disziplinen der Architektur, Gestaltung und Design mit ihr dann umgehen?  

Neu ist das Thema nicht: Knappheit hat die Vorstellung vom Zusammenleben wesentlich geprägt (wie dieser Essay zeigen wird). Vor mehr als vierzig Jahren veröffentlichte der Club of Rome Die Grenzen des Wachstums. Die Autor/inn/en zeigten darin, wie sich eine Reihe von Variablen wie etwa Nahrungsmittel, nicht erneuerbare Rohstoffe, Populationszahlen, Umweltverschmutzung in Abhängigkeit zueinander entwickeln. Einem unverändertem Wirtschaftswachstum, so zogen sie damals den Schluss, würden irgendwann die Ressourcen der Erde ausgehen und ihr Limit erreichen. 

Der Befund stieß auf heftigen Widerstand. Wie beeindruckend genau die Voraussagen damals waren, sollten nachfolgende Studien zeigen. Ungeachtet des pessimistischen Grundtons von Die Grenzen des Wachstumsaber waren die Autor/inn/en versucht, ihre Kalkulation auf das Fundament der modernen, etablierten Ökonomie und Ökologie zu stellen, in deren Zentrum Knappheit als Ursache allen ökonomischen Handelns steht. 

Vierzig Jahre später scheint das Problem der Knappheit dringlicher denn je. Die Austeritätspolitik, die seit 2009 den (öffentlichen) Haushalten auferlegt wird, beschwört Knappheit als Gespenst wieder herauf, während ihre ganz realen Konsequenzen – etwa der Rückbau bestehender Sozialsysteme – sich in einer zunehmenden sozialen Ungleichheit niederschlagen. Auch scheint die Aussicht steten Wirtschaftswachstums im Licht endlicher Ressourcen und zunehmender Umweltzerstörung zutiefst fragwürdig (und wird von manchen als arlamistischer Aufruf zum dringlichen Handeln interpretiert).

Knappheit ist ein Thema, das all diesen Debatten zugrunde liegt: als Grundannahme des ökonomischen Denkens und Handelns, wie auch als Tatsache, betrifft sie uns alle auf die eine oder andere Weise. Sie betrifft auch die Gestaltung unserer Umwelt sowie gestalterische und architektonische Praktiken der Gegenwart. Um ihre Auswirkungen auf unsere Arbeit zu begreifen, schien uns daher notwendig, Knappheit in ihrer historischen wie in ihrer heutigen Gestalt verstehen zu lernen. Genauso entscheidend ist indes, dass wir uns auch außerhalb der dominanten Strukturen und Prozesse, die Wirtschaft und Gesellschaft enge Grenzen setzen, auf die Suche nach einem neuen Verständnis von Knappheit begeben. Denn Knappheit ist Teil unserer Wirklichkeit, sie wird nicht verschwinden, aber wir sollten begreifen lernen, wie sie entsteht, wie sie konstruiert ist und was sie bedeutet.

Knappheit bezeichnet zunächst die unzureichende Versorgung mit einem Gut, also einen Mangel. Auch der vorliegende Essay geht vom „Mangel“ als Arbeitsdefinition aus, jedoch stellen wir den neutralen und unumstrittenen Status des Begriffs infrage. Knappheit verstanden als simpler, unabänderlicher Mangel beraubt Design und (das) Leben allgemein ihres lebendigen Potenzials. Ein anderes Verständnis von Knappheit kann produktive Möglichkeiten eröffnen und über ein negatives und begrenzendes Verständnis hinausführen. Voraussetzung dafür ist die Einsicht, dass Knappheit keineswegs neutral, sondern hergestellt, gestaltet – designed ist. Im Gegenzug müssen sich auch Design und Architektur mit der Herstellung der Knappheit beschäftigen, wollen sie eine Vorstellung von einer gestalterischen Praxis im Kontext der Knappheit entwickeln. Nur so werden sie die ihr innewohnende Wirkmächtigkeit und das eigene Potenzial ausschöpfen können.

Eine affirmative Haltung zu einem Begriff mit solch negativen Konnotationen mag unverständlich, gar töricht erscheinen. Sie erlaubt aber den Ausblick auf bisher unbekannte Alternativen, auf eine andere Gesellschaft zu lenken.