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Wunschmaschine Wohnanlage, Sonderzahl (Wien): 2016

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Die Stadt nach der Arbeit

Die Gesellschaften der mitteleuropäischen Stadt befinden sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in einem weltanschaulichen und technologischen Umbruch, dessen Tragweite heute mehr und mehr sichtbar wird. Der Umbruch markiert eine radikale Revision unseres Zusammenlebens, die der Einführung der Lohnarbeit und ihren Auswirkungen auf die räumliche Organisation der Stadt in der Industrialisierung des 18. Jahrhunderts gleichzusetzen sein wird. Die Transformation der Ökonomie ist eng mit den Restrukturierungs-, Automations- und Auslagerungsprozessen der Industrie seit den 1950er Jahren verbunden. Es ist gerade die Lohn- und Erwerbsarbeit, die zusehends verschwindet und durch Selbstunternehmer/innentum, zivilgesellschaftlich organisierte unbezahlte Arbeit und andere Formen der Beschäftigung ersetzt wird und deren Mehrwert zunehmend durch global agierende Organisationen abgeschöpft wird. Die Arbeit in der Stadt nach der Arbeit nimmt postindustrielle, immaterielle Formen an, die mit dem Leben verschwimmen und zunehmend die Arbeiter/innen in prekäre unstabile Arbeits- und Lebenssituationen zwingen. 

Will man heute eine soziale und ökologisch nachhaltige Architektur und Stadtentwicklung denken, so müssen gerade die Tendenzen einer zeitgenössischen Ökonomie ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt werden, die ihren Ausgangspunkt direkt nach dem Zweiten Weltkrieg haben. Sie sind es, die unser Zusammenleben in unseren Städten bedingen. Sie sind es, die Architektur und Städtebau vor die Herausforderung stellen, unser Zusammenleben anders und neu zu denken. Eine Affirmation der heutigen Situation mit ihren Diskursen, Vorstellungen und Technologien bedeutet auch, tradierte Vorstellungen von Stadt und von Urbanität zu hinterfragen, und provoziert, über das derzeit Machbare und Vorstellbare hinaus zu denken.  

Entgrenzung der Arbeit

Die Sphäre der Arbeit wird zunehmend diffus (Boutang 1998). Arbeit durchdringt heute alle Bereiche menschlicher Tätigkeiten, Arbeitszeit wird mit Freizeit vermischt, Aus- bzw. Weiterbildung und Arbeit im engeren Sinn werden zunehmend ununterscheidbar, Privatleben und Berufslebenvermengen sich. Mit ihren organisatorischen und juristischen Konstruktionen und einhergehend mit populären (neoliberalen) Diskursen werden unter dem Druck des Imperativs globalen Kapitals bestehendes Arbeitsrecht sowie Pensions- und Versicherungswesen radikal in Frage gestellt und aggressiv umstrukturiert. Das ehemalige moderne Prinzip der Gleichräumigkeit und Gleichzeitigkeit von Arbeitsprozessen vis-à-vis des davon getrennten Wohnens und der Freizeit sowie der funktional eindeutigen Zuschreibung von einerseits Produktionsräumen und andererseits Wohn- und Freizeiträumen löst sich mit den aktuellen Arbeitsorganisationen auf. 

Es ist ein beschleunigter Umbau der Städte und ihrer Organisation, der bereits mit der ersten industriellen Revolution eingesetzt hat. Signifikant ist dabei, dass die schmutzige Industrie seit den 1970er-Jahren ausgelagert wird und die verbleibende Industrie und ihre Administration automatisiert werden. Unter dem Schlagwort der Industrie 4.0wird in naher Zukunft auch der Rest der verbleibenden Industrie- und Produktionsarbeitsplätze in den westlichen Industrieländern verschwinden. Darüber hinaus sind hoch qualifizierte Arbeitsfelder, wie sie administrative, juristische, medizinische und kreative Beschäftigungen darstellen, in Gefahr, zunehmend durch Algorithmen ersetzt und virtualisiert zu werden. Der traditionelle Einzelhandel ist enorm unter Druck und wird vom Versandhandel abgelöst. Kurz: Die Erwerbsarbeit verschwindet. Die menschliche Arbeitskraft wird in der Effizienzlogik der globalen Arbeitsprozesse von der Produktion gelöst und in eine Beschäftigungsleere der Stadt nach der Arbeit entlassen.

Die noch in der Industriegesellschaft logisch und notwendig erscheinende funktionale Ausdifferenzierung von Produktion und Reproduktion, wie sie in der Charta von Athen (1933) ihren Ausdruck für die Architektur und den Städtebau gefunden hat, ist heute absurd. Das Konzept der gesellschaftlichen Fabrik des italienischen Philosophen Mario Tronti (1974 [1966]) beschreibt unsere heutige Situation. Sie ist gerade für die Architektur und den Städtebau eine anschauliche Analogie für die radikale Veränderung der Stadt. Die Grenzen der Fabrik verschwinden. Die Fabrik dehnt sich auf die ganze Stadt und ihre Gesellschaften aus. Die Arbeit löst sich vom vormals festgeschriebenen und bestimmten Ort der Produktion. Der Produktionszyklus ist nicht länger durch die vier Wände der Fabrik definiert, sondern operiert in der Gesellschaft als solcher, ergießt sich in die Stadt. So wird es zeitlich und räumlich schwieriger, zwischen Arbeit und Freizeit zu unterscheiden. Die Grenzen von Produktion und Reproduktion, von Fabrik und Stadt, von innen und außen, von Arbeit und Betätigung, von Wohnen und Arbeiten, von Mensch und Maschine verschwimmen.

Ähnlich argumentieren auch Antonio Negri und Michael Hardt (1994: 14). Sie verbinden die Veränderung der Arbeit im Übergang vom Massenarbeiter zum gesellschaftlichen Arbeiter mit dem räumlichen Phänomen der gesellschaftlichen Fabrik. Für Negri und Hardt ist es eine Verallgemeinerung des Fabrikregimes, die in den gegenwärtigen metropolitanen Gesellschaften mit einer Veränderung in der Art und Qualität der Arbeitsprozesse einhergehe. 

Maurizio Lazzarato (1997) beschreibt die im Zuge der Restrukturierung entstehenden neuen Formen der Arbeit als immaterielle Arbeit, die sich durch zwei Merkmale auszeichnet. Zum einen verweist die immaterielle Arbeit auf die sich verändernden Arbeitsprozesse in großen Unternehmen, in der Industrie und im Dienstleistungssektor. Es werden zunehmend Qualifikationen gefragt, die die Fachkenntnis von Kybernetik und die Bedienung von Computern miteinschließen, sich also vermehrt auf Informationsverarbeitung und Kommunikation stützen. Zum anderen bedingt immaterielle Arbeit eine Serie von Tätigkeiten, die in der klassischen politischen Ökonomie nicht als Arbeit gelten, wie etwa künstlerische, kreative und meinungsbildende Tätigkeiten, die vormals ein Privileg der Bourgeoisie waren und sich nun verallgemeinern. 

Diese neuen affektiv-emotionalen und technowissenschaftlichen Tätigkeiten erfassen zeitgenössische, seit dem Zweiten Weltkrieg in den Industriegesellschaften immer bedeutender werdende Konditionen und Modi des Lebens und werden auch in philosophischen Diskursen direkt mit räumlichen Umstrukturierungen durch das Kapital in Verbindung gebracht. Sie weisen auf die Veränderung der begrifflichen Konzeption, der Eigenschaften und Bedingungen der Arbeit und ihrer Räume hin, die zusehends eine Kategorisierung von produktiver versus unproduktiver Arbeit oder auch die Unterscheidung zwischen Arbeiten, Herstellen und Handeln (Arendt 2007) obsolet machen und „die informationelle und kulturelle Dimension der Ware hervorbringenden Qualität von Arbeit artikulieren“. (Lazzarato 1998: 34). 

Die neuen Formen der Arbeit entstehen jedoch nicht plötzlich im Übergang vom Fordismus zum Postfordismus Anfang der 1970er-Jahre. Formen einer heute als immateriellumschriebenen intellektuellen Arbeit, wie sie den „audiovisuellen Industrien, der Werbung und dem Marketing, der Mode, der Computersoftware, der Fotografie, künstlerisch-kultureller Betätigung im Allgemeinen etc.“ (Lazzarato 1998: 46) zugeschrieben werden, existieren in verschiedenen Spielarten und vor allem räumlichen Typologien immer schon parallel zu anderen Formen und Räumen der Produktion und des Lebens. Die Clubs im London des 18. Jahrhunderts sind zum Beispiel Räume, in denen bürgerliche Arbeit, die wir heute Netzwerke nennen, gerahmt wurden. 

Die Signifikanz der neuen Formen der Arbeit liegt darin, dass sie den erstarkenden Produktionsmodus in den westlichen Industrienationen beschreibt und somit als Analyseinstrument für das Verstehen der neuen Organisation einer Stadt nach der Arbeit fungieren kann. Es ist ein Analyseinstrument, das erlaubt, Phänomene und Symptome der Architektur- und Raumproduktion unter einer ganz bestimmten Perspektive zu betrachten und damit für die zeitgenössische Praxis der Architektur und des Städtebaus verstehen zu lernen. So steht die Stadt nach der Arbeit direkt mit den kulturellen Entwicklungen des Kapitalismus in Verbindung, wie sie von Eve Chiapello und Luc Boltanski (1999) als neuer Geist des Kapitalismus gekennzeichnet wurden. Dieser neue Geist des Kapitalismus setzt sich einerseits aus Managementdiskursen, die eine Modifizierung der Arbeiter/innenidentität hin zum kreativen Künstler/innenideal propagieren, und andererseits aus dem materiellen Rahmen neuer Kommunikationstechnologien zusammen. Der neue Geist ist eine neue Ideologie, deren massenhafte Verbreitung die beiden französischen Autor/inn/en eng mit der Emanzipationsbewegung der 1960er-Jahre und ihrer Kritik am Kapitalismus verbinden. Neue Arbeitsorganisationen, unsichere Beschäftigungsverhältnisse, Aufspaltung der Arbeitnehmer/innen (Outsourcing, Gastarbeiter/innen), der Abbau des Arbeitnehmerschutzes und der Sozialstandards sowie die wachsende Arbeitsbelastung bei gleichbleibendem Lohn sind für Chiapello und Boltanski die sichtbaren Folgen, die direkte Auswirkung auf die Organisation unsere Städte und das Zusammenleben haben.  

So kann diesen neuen Formen der Arbeit auch heute keine ausschließliche Monopolstellung in den Produktionsprozessen zugeschrieben werden. Immer noch gibt es Industriearbeit, immer noch wird in der Landwirtschaft produziert, immer noch gibt es eine Vielzahl an Jobs, die keine Ausbildung benötigen. Wichtig ist festzuhalten, dass die Erwerbs- und Lohnarbeit in den westlichen Industrienationen tendenziell durch Maschinen, Automaten und Algorithmen abgelöst wird und der derzeitige Wohlstand auf einer ausgelagerten Ausbeutung fußt. 

Die Neuerfindung der Stadt (nach der Arbeit)

In der Stadt nach der Arbeit ist die Arbeit hingegen nicht verschwunden. Sie stellt sich nur anders dar. Sie verschiebt sich hin zur Wissens- und Kreativarbeit. Sie nutzt andere Räume und sie stellt andere Anforderungen an die zeitgenössischen Arbeiter/innen. So entsteht das unternehmerische Selbst (Bröckling 2009), Formen der Reproduktionsarbeit, wie zum Beispiel Care-Arbeit, werden zunehmend marktförmig gestaltet oder Arbeitsverhältnisse prekarisiert.

Die moderne nach funktionalen Prinzipien gebaute Stadt stößt mit dem Aufkommen neuer Anforderungen an die Organisation des Arbeitens und des Lebens an ihre Grenzen. Die deterministischen Vorstellungen des Wohlfahrtsstaats, wie wir zu leben haben und wie sich die Stadt organisieren wird, wie sie unter anderem in den Großwohnanlagen und ihren spezialisierten Immobilien expliziert wurden, sind überholt und passen nur mehr bedingt zu den zeitgenössischen Lebensrealitäten. Das Verschwinden der Industrie, die Konsolidierung des Kleingewerbes und des Handels, die Technologisierung und Digitalisierung der Produktion und der Wirtschaft einhergehend mit dem Entstehen neuer Formen der Arbeit, oder auch die Überalterung der Bevölkerung, sind nur einige Symptome, die in den bestehenden monofunktional determinierten und spezialisierten Infrastrukturen, wie es unter anderem auch die Großwohnanlagen darstellen, nur schlecht Platz finden. 

Bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren finden sich Beispiele, die auf eine Neuerfindung der europäischen Stadt, ihrer Gemeinschaften und der neu entstehenden Form der Regierung, wie sie Gilles Deleuze als Kontrollgesellschaft (1993) beschrieben hat, hinweisen. Die Definition der Kontrollgesellschaft aktualisiert dabei die Analyse Michel Foucaults zu den Souveränitäts- und Disziplinargesellschaften (2006). Den Einschließungsmilieus des frühen 20. Jahrhunderts folgen Modulationen von Kontrolle, die „einer sich verformenden Gußform gleichen, die sich von einem Moment zum anderen verändert“ (Deleuze 1993: 256). Die Einschließungsformen der disziplinargesellschaftlichen Institutionen seien in der Krise: Die Familie, die Schule, die Kaserne, die Fabrik oder auch das Gefängnis lösen sich zugunsten neuer, „ultra-schnelle[r] Kontrollformen mit freiheitlichem Aussehen“ (Deleuze: 1993, 255) ab. Sie arbeite nicht mehr mit einfachen Maschinen, wie noch die Souveränitätsgesellschaften, oder mit den energetischen Maschinen der Disziplinargesellschaften, sondern mit Informationsmaschinen und Computern. Es sei eine tief greifende Modulation der Ökonomie, die sich nicht länger auf die Produktion konzentriere, sondern auf das Produkt, den Verkauf und den Markt. So werde die Fabrik vom Unternehmen abgelöst, die kontinuierliche Kontrolle vom Examen und die permanente Weiterbildung löse tendenziell die Schule ab und würde sie gleichzeitig den Unternehmen ausliefern, so Deleuze. 

Gerade weil die Produktion von Raum direkt mit der jeweils dominierenden Ökonomie und ihrer Regierung in Verbindung steht und direkt an sie angeschlossen ist, werden in ihren herausragenden Beispielen die Räume des neuen Regimes, hinter das wir nicht mehr zurückkönnen, in konkreter und manchmal auch in experimenteller Form expliziert. In den 1960er- und 1970er-Jahren spiegeln sie Merkmale der gesellschaftlichen Fabrik wider. Sie sind implizit eine Kritik an der funktionalistischen Moderne und der Idee von Stadt.

Die Betrachtung einiger Beispiele ermöglicht einen spezifischen Blick auf die Modulationen und Verfestigungen der Veränderung der „niemals natürlich gegebenen, sondern immer schon wesentlich gemachten, technisch eingerichteten und künstlich hervorgebrachten, also produzierten“ (Hörl 2009: 15) Gemeinschaften der Stadt, der Arbeit und ihres zugewiesenen Raumes. Mitunter müssen Aspekte davon als emanzipatorische Potenziale gelesen werden, die in ihrer Affirmation in der aktuellen Produktion von Raum und Stadt bedeutend sein können. Sie manifestieren das Eventhafte der Stadt nach der Arbeit. Sie machen die Qualität der Architektur sichtbar, nicht nur das Zusammenleben zu ordnen, sondern auch dieses Zusammenleben als symbolisches Objekt zu repräsentieren. Und sie machen die notwendige Einbeziehung aller Menschen in einen Prozess der Veränderung und Weiterentwicklung von Stadt erfahrbar. Es wird aber auch die Rolle der neuen Massenmedien in der Restrukturierung von Arbeit und Beschäftigung sichtbar. Die Frage, die sich heute stellt, ist, welchen Zweck und Charakter der Event, das Symbol, die Partizipation und die Technisierung und Digitalisierung in diesen Beispielen haben und wie sie emanzipatorisch interpretiert und affirmiert werden können.

Die wabernden Blasen der Architektur-Avantgarden der 1960er-Jahre müssen als visionäre Metaphern der sich konstant verändernden, sich anpassenden Gussformen gelesen werden, die paradigmatisch für ein postfordistisches Leben stehen. Sie simulieren noch mit simplen energetischen Maschinen die neuen Qualitäten des Raumes der Kontrollgesellschaft, was heute immateriell die Algorithmen leisten. In den weichen, anschmiegsamen Sphären werden wir auf das zukünftige Leben rhythmisiert. In diesen Klimahüllen spielen ihre Bewohner/innen, wohnen und arbeiten fortan dort.  

Die Organisation von Wissensarbeit

Auf pragmatischer und alltäglicher Ebene wirksamer waren jedoch die Bürolandschaften, die von den Managementberatern Eberhard und Wolfgang Schnelle und einem transdisziplinären Team aus Kybernetikern, Mathematikern und Künstlern Ende der 1950er-Jahre in Deutschland entwickelt wurden. Die fußballfeldgroßen Innenräume waren hierarchielos in kleinen Gruppen organisiert und durch Formen der Partizipation der Arbeiter/innen und die Gruppierung in Teams kontrolliert. Die Aspiration war es damals schon, die administrative Arbeit durch den Einsatz von Rechenmaschinen zu automatisieren. Dabei übernahmen die Maschinen und Automaten vorerst die wiederholbaren und kalkulierbaren Arbeitsprozesse. Die Arbeiter/innen wurden im gleichen Zug, durch die Art und Weise, wie man sie ansprach, aufgewertet. Sie waren nun Spezialist/inn/en: Künstler/innen und/oder Wissenschaftler/innen. Das chaotische Aussehen der Bürolandschaften war gewollt und möglichst exakt kalkuliert, um die unermessliche Extension der Innenräume kleinteilig erscheinen zu lassen. Auch hier antizipieren die Gestalter zukünftige Entwurfs- und Organisationsprozesse. Mit der akribischen Quantifizierung, insbesondere der Informationsflüsse innerhalb einer Organisation möglichst aller Arbeitsprozesse, wurden die Grundlagen geschaffen, eben nicht nur repetitive Arbeit, sondern auch informationsintensive Entscheidungsfindungen maschinenlesbar und -prozessierbar zu machen. Die Mittel waren Ende der 1950er-Jahre und in den 1960er-Jahren noch analog und involvierten Humanressourcen, die sich eifrig an der eigenen Abschaffung ihrer Arbeitskraft beteiligten, um in die Freizeit entlassen zu werden. Ein weiteres Beispiel ist der niemals realisierte Entwurf des „Fun Palace“. Die Agitproptheatermacherin Joan Littlewood, der Architekt Cedric Price und der Kybernetiker Gordon Pask hatten zwischen 1962 und 1966 einen Palast für die arbeitslosen Massen Londons projektiert. Der Fun Palace war kein Haus im herkömmlichen Sinne mehr, sondern vielmehr ein extensives Netzwerk. Ideell gedacht war es ein unendliches Infrastrukturgerüst, in das verschieden große, mit einer Vielzahl an Funktionen programmierbare und bewegliche Container gehängt waren. Es sollte ein Ort der neuen Freizeit der Arbeiter/innen werden. Hier sollten sie sich treffen und voneinander vor allem lernen. Es war ein von kybernetischen Automaten orchestriertes Mitmach-Theater, das den Arbeiter/innen einen Raum zum Lernen und für Kreativität bieten sollte. Eine kybernetische und technisierte Freizeitmaschine also, die Freizeit als lebenslanges Lernen inszenierte. 

Für die Diskussion zur Stadt nach der Arbeit und ihre technologische Restrukturierung ist es wichtig, zu verstehen, dass es gerade in den Nachkriegsjahren in Europa eine Welle von Universitätsneubauten gab, die eine neue Form der Institution Universität erstmals räumlich-organisatorisch explizierten und als vorausschauende Politik zu verstehen ist, wie man mit der Beschäftigungsleere umgehen kann. In Deutschland sind die Ruhr-Universität in Bochum und die Freie Universität in Berlin bedeutende Beispiele einer wohlfahrtsstaatlichen Idee der dezentralisierten universitären Ausbildung für die breite Masse, einer zukünftigen proletarisierten Wissensarbeit – einer (Wissens-)Arbeit, die nicht länger einer exklusiven, bürgerlichen und meist männlichen Gruppe der Gesellschaft vorbehalten bleibt, sondern zum Imperativ für alle in der Gesellschaft wird.

Parallel zu den gebauten Beispielen finden sich aber auch spekulative Beiträge, die in der Überspitzung damaliger Diskurse die neue Form und Organisierung der Universität, der Stadt und der Gesellschaft explizieren. Ein Beispiel, das für das Verständnis über die konkreten Räume und die Organisation einer zeitgenössischen geisteswissenschaftlichen Arbeit Bedeutung hat, ist das Projekt aus dem Jahr 1966 des kürzlich verstorbenen österreichischen Architekten Hans Hollein mit dem trockenen Titel „Erweiterung der Universität Wien“. 

Das Projekt ist keine elaborierte architektonische Planung mit Grundrissen, Schnitten, Ansichten und Schaubildern, wie man es von einem Projekt mit derartigem Titel erwarten würde. Die Darstellung des Projekts besteht aus einem Blatt. Links ist ein Bild der Wiener Hauptuniversität, die am Beginn der großen Depression (1873–1896) und direkt nach der Weltausstellung in Wien (1873) zwischen 1873 und 1884 erbaut wurde. Rechts auf dem Blatt ist eine Collage. Ein Röhrenfernseher der 1960er-Jahre mit ausgefahrenen Antennen wird durch ein überdimensional gezeichnetes Kabel mit einem Stromstecker ergänzt. Rechtsbündig am oberen Rand steht der Titel in Englisch: „Proposal for an extension of the University of Vienna, 1966“.

Das Fernsehgerät ist offensichtlich der Universitätserweiterungsbau, der darauf wartet, an die Universität und ihre Fakultäten angeschlossen zu werden. Der Bildschirm ist noch leer. Ein weiß-graues Rauschen lässt sich erkennen. Der Fernseher ist aber eben noch nicht an die Institution angeschlossen. Es ist wichtig, zu erkennen, dass der „Saft“, der Strom für das Fernsehgerät, von der Universität kommt: Was den Apparat antreibt, wird von der Universität dargestellt und gleichzeitig abgeschöpft. Was auf den Fernseher durch Luftwellen übertragen wird, bleibt in der Darstellung offen. Es liegt jedoch nahe, dass es die beiden öffentlich-rechtlichen Sender Österreichs waren, die empfangen werden sollten. Das Fernsehen ist als emanzipatorische Volksbildungsapparatur dargestellt, die mit der Wissensproduktion der Universität gespeist werden sollte. So symbolisiert das Fernsehgerät die Proletarisierung der Wissensarbeit und spiegelt die damalige sozialdemokratische Ideologie des freien Zugangs zu höherer (Aus-)Bildung. Potenziell kann nun jeder und jede an den universitären Programmen teilhaben, die via Fernseher in die Stadt und ihre Gesellschaften zentral ausgesendet werden. 

Durch das simple Interface des Fernsehgeräts wird die Wissensarbeit auf das Auswählen der Programme und das Konsumieren von vorab ausgewählten Informationsinhalten reduziert. Die Universität wird zur Fabrik, zur sogenannten „Edufactory“ (vgl. Federici, Caffentzis 2016), in der die Wissensarbeiterin und der Wissensarbeiter als beobachtende Subjekte im Sinne einer kybernetischen Feedbackschleife und ihres Mittels der Zählung die Auswahl der Programme, bestenfalls das zukünftige Programm, beeinflussen. Wird eine Sendung vom Publikum öfter gesehen, partizipieren die proletarisierten und verallgemeinerten Wissensarbeiter/innen öfter an einer Sendung, werden ihr Beliebtheit und Relevanz zugeschrieben und sie weitergeführt. Andere, weniger erfolgreiche Programme werden ersetzt, wie dies wenig später in der Open University (OU) auch praktiziert wurde. Computer und insbesondere das Fernsehen und das Radio spielten von Anfang an eine bedeutende Rolle in der Verbreitung der Lehrinhalte. Schon 1969 wurde im damaligen BBC-Hauptquartier ein Produktionsdepartment für Programme der OU eingerichtet. Die ersten Sendungen wurden gleichzeitig mit der Eröffnung der OU im Januar 1971 über den damals neuen TV-Sender BBC 2 ausgestrahlt.  

Mit der Vision Holleins und der Realität der OU wird der Raum der universitären Arbeit in bestehenden Strukturen der Stadt verteilt. Die universitäre Arbeit ist fortan ausgelagert und atomisiert. Die Arbeit wird vom repräsentativen Gebäude der Universität und seinen Vorlesungssälen entkoppelt und findet zunehmend in den Wohnzimmern der Bevölkerung statt. So verschwimmt die Grenze zwischen der Universität und der Stadt und ihren Gesellschaften. Es gibt kein außen der Institution mehr, die durch das Fernsehgerät alle Bereiche des städtischen Lebens durchdringt.  

Die Inszenierung der Teilhabe

Das Richtfest des Museums Abteiberg in Mönchengladbach am 1. September 1978 wiederum expliziert den ereignishaften Charakter der Stadt nach der Arbeit. Ein Richtfest wird traditionellerweise auf jeder Baustelle abgehalten, wenn der Dachstuhl fertiggestellt ist. Entgegen der jahrhundertealten Tradition, alle beteiligten Bauarbeiter und alle planenden Personen zu einem Fest auf der Baustelle einzuladen, wird hier die ganze Stadt zur Party gebeten und als Event im öffentlichen Raum inszeniert. Das jedoch nicht ohne Grund. Die Bevölkerung der Stadt muss an der Baustelle beteiligt werden, um sie auf die neue Zukunft der Stadt einzustimmen. Nach dem Niedergang der Textilindustrie steckte die Stadt (wie viele andere Städte zu dieser Zeit ebenso) in einer tiefen Krise. Die Entwicklung des Mönchengladbacher Museums Abteiberg war ein erster Versuch einer Neuerfindung der Stadt durch die Kulturindustrie. Mit dem Museum erfindet sich die Stadt neu. Ihre Bevölkerung wird programmatisch auf eine neue Situation nach der Arbeit rhythmisiert. Das zum „Lichterfest“ umbenannte Richtfest ist dabei prototypisch für die Neuinszenierung der europäischen Stadt, wie man sie zum Beispiel auch im Ars Electronica Festival in Linz oder dem Museumsneubau in Bilbao, den Europäischen Kulturhauptstädten und anderen Events in unterschiedlichen Formen wiederfindet.

Das Fest in Mönchengladbach selbst eröffnet einen kurzen Moment, in dem tatsächlich eine andere und neue Organisation der Stadt und des Zusammenlebens denkbar wird. Im Moment des Festes ist noch nicht klar, was die Zukunft bringen wird. 20.000 Menschen sind Gäste und Akteur/innen der urbanen Party. Das Fest kann ein Stück weit als unkontrollierbarer Raum der Neuorganisation der Stadt gelesen werden (vgl. Rumpfhuber 2015). Im Moment des Richtfestes ist das Museum noch nicht eröffnet aber als Objekt in seinem Rohzustand schon da. Es ist ein Moment, in dem eine andere Organisation der Stadt und ihrer Kultur noch erhofft werden kann. Die Kunst in Form von kinetischen Lichtobjekten ist im öffentlichen Raum und noch nicht im klar abgegrenzten Museum. Die Kunstobjekte im städtischen Raum sind die Bühne des Festes. 

Erst mit der Eröffnung des Museums wird sichtbar, wie sehr das Projekt der Neuerfindung an die Tradition einer bürgerlichen Kultur und ihrer Politik rückgebunden wird. Sowohl das Fest als auch später das Museum sind Teil einer Beschäftigungspolitik. Im Museumsneubau in Bilbao wird das Eventhafte dann zur perfektionierten Inszenierung, die sich der symbolischen Effizienz von Architektur bewusst ist. Die Architektur selbst wird zum Event und zum Instrument einer Regierung von oben herab, die sich zum Ziel gesetzt hat, eine Stadt und ihre Region neu zu organisieren.

Das Symbolische, das Repräsentative, das die funktionalistische Moderne der Nachkriegsjahre durch mathematische und kybernetische, indes immer schon deterministische und technokratische Modelle, wie sie zum Beispiel in der Gestaltung der Bürolandschaft zu finden ist, zu überwinden suchte, um eine neue und flach organisierte demokratische Gesellschaft zu ermöglichen, wird zum Hebel einer Regierungsform, die eine alte Hierarchisierung der Gesellschaft mit neuen Kathedralen der Kulturindustrie zu erneuern versucht. Es ist gerade aber diese Wiederentdeckung der symbolischen Effizienz, die in einer heutigen Praxis der Architektur und des Städtebaus ernst genommen werden muss.  

Das Symbolische wird auch im Wohnungsbau der Stadt nach der Arbeit wichtig. Als Beispiel steht für mich der vom Künstler Friedensreich Hundertwasser mitentworfene und mitgestaltete Gemeindebau der Stadt Wien. Das Hundertwasserhaus (1983) ist heute das am meisten von Tourist/inn/en fotografierte Haus der Stadt. Es wird öfter fotografiert als das Schloss Schönbrunn oder der Stephansdom. War die bürgerliche, industrielle Stadt von einem anonymen Häusermeer von Zinshäusern, Kleingewerbe und kleinteiligem Handel geprägt und nur durch symbolische Bauten wie der Kirche, dem Theater, der Oper, dem Parlament, dem Rathaus unterbrochen und strukturiert, so wird mit dem Wohnbau von Hundertwasser die Notwendigkeit sichtbar, den Wohnungsbau selbst als postbürgerliches Identifikationsobjekt symbolisch aufzuladen. Es ist jedoch nicht die Symbolik, die noch die Architektur des Roten Wien zum Beispiel verfolgte. Die Volkswohnpaläste waren schlussendlich für eine als homogen begriffene Masse der Arbeiter/innen gebaut worden. Die Symbolik des Hundertwasserhauses spielt eben mit der Rhetorik der Teilhabe am Bau- und Wohnprozess der Bewohner/innen. Jede/r solle sich den Teil der Fassade selbst gestalten und aneignen können, den er oder sie vom eigenen Fenster aus mit den Händen erreichen könne. Auch wenn die Idee der Aneignung durch Mitgestaltung nur Rhetorik geblieben ist und die Fassadenbemalung vom Künstler selbst gestaltet wurde, bringt sie die Notwendigkeit auf den Punkt, den Wohnungsbau für sich als Symbol der Aneignung der Stadt, wenn auch nicht als Eigeninitiative, sondern von der Politik verordnet, zu etablieren. Das Hundertwasserhaus verharrt in der Geste der Teilhabe und der Partizipation. Es expliziert die Vorstellung einer Beschäftigung durch Partizipation, die in keiner Weise wild, anarchistisch und ergebnisoffen ist, sondern vielmehr im Sinne der barocken Kirchen, den Engeln und den blutenden Herzen funktioniert und die Menschen ruhigstellt.

In nüchterner Form hatte sich die Partizipation schon vorher in den ersten entstehenden Baugruppen etabliert. Auch hier ist die Partizipation nicht ergebnisoffen, sondern von Anfang an in geordnete, insbesondere ökonomische Bahnen gelenkt. Die Architekten agieren als Unternehmer, die ein gemeinsames, exklusives Bauen initiieren. So hatte Fritz Matzinger 1974 seine erste Anzeige in den Oberösterreichischen Nachrichten geschaltet und damit sein Geschäftsmodell der „Le Palétuvier“ Wohnhäuser initiiert. Die Partizipation ist auch hier eine Art der Beschäftigung in der Stadt nach der Arbeit. Ihr Ziel ist die Mehrwertproduktion einer kleinen Gruppe durch das Errichten einer Immobilie, egal ob diese exklusiven, weil bildungsnahe Gemeinschaften, in gemeinnützigen Vereinen oder als Eigentümer/innengruppen organisiert werden. 

Die Wunschmaschine in der Stadt nach der Arbeit

Die Beispiele zeigen anschaulich die Modulationen und Veränderungen der Organisierung von Raum und ihren Gemeinschaften. Sie zeigen die ganze Ambivalenz, in der die Architektur- und Stadtproduktion verhaftet ist. Sie entstehen allesamt aus einer spezifischen Situation heraus, manchmal in der Rückschau naiv, manchmal reflektiert. 

Die Beispiele affirmieren auf je ihre Weise die Gegebenheiten und Technologien und eröffnen jeweils für den Moment einen neuen Raum, in dem die Gesellschaften und Gemeinschaften der Stadt nach der Arbeit sich neu organisieren können. Sie zeigen die Konturen der neuen Beschäftigungsverhältnisse in der Stadt nach der Arbeit. Sie werden jedoch oft in der Realisierung durch die bestehenden Machtverhältnisse absorbiert, vereinnahmt sowie rückgebunden.

In der Historisierung der Beispiele und ihrer Technologien werden aber auch die potenziell emanzipatorischen Aspekte sichtbar, die für eine aktuelle, affirmative Praxis der Intervention in der Stadt nach der Arbeit von Bedeutung sind. Sowohl das Ereignishafte, das Performative der Beispiele zeigt, wie Menschen eine inklusive, wenn auch meist nur temporäre Gemeinschaft durch einen Event bilden können. Das symbolische Objekt, sei es der Neubau des Museums in Mönchengladbach, das Hundertwasserhaus, sei es das zu errichtende Eigenheim der Baugruppe, spannt einen gemeinsamen Raum auf, in dem Menschen zueinander in Beziehung treten können. 

Aber es ist auch nicht zuletzt die Technologie, die eine Stadt nach der Arbeit und ihre Gemeinschaften prägt. Holleins Universitätserweiterung zeigt eindrücklich die räumlichen und sozialen Konsequenzen der technologisierten Bildungseinrichtung. Die neue Universität, die über den Fernsehkanal übertragen wird, konzentriert sich auf ein singuläres Format, das der Vorlesung. Die anderen Formate der universitären Arbeit, das Seminar, das Kolloquium, das Symposium, werden in der neuen institutionellen Organisation der Universität marginalisiert. Nicht zuletzt hat die OU im November 2015 damit aufhorchen lassen, ihre dezentralen Bildungs- und Seminarräume aus Kostengründen aufzugeben. Gerade die Orte, an denen sich die Studierenden untereinander und mit den Lehrenden während und nach den Online-Kursen treffen und austauschen konnten, werden von den Institutionen heute abgeschafft. 

Es sind gerade diese Räume, in denen dialogische Unterhandlungen stattfinden können und für die zunehmend von immateriellen, schwarmähnlichen Algorithmen gesteuerte Stadt nach der Arbeit von enormer Wichtigkeit sind, um sich zu kollektivieren. Es sind gerade die Räume der Einzelnen und der Gemeinschaft, die es gilt, als Virtualität für einen emanzipatorischen Wissenstransfer für alle jenseits der derzeit dominierenden Ökonomie verstehen zu lernen. Es ist aber nicht zuletzt auch eine Frage der fortschreitenden Technologie, die es gilt, für eine Stadt nach der Arbeit zu affirmieren und die Chancen, aber auch die Risiken für ein zukünftiges urbanes Zusammenleben denken zu können.