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Grundlagenforschung für eine linke Praxis #2, “Architekturen unserer Arbeit”: Adocs, Hamburg: 2017

Herausgegeben von: Morten Paul und Felix Vogel

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Remote Control Space

Das Werden der Architektur der Edufactory

 

Im Vorwort zur deutschen Ausgabe seiner Textsammlung Unterhandlungenstellt Gilles Deleuze fest dass die Philosophie keine Macht sei wie die Religion, der Staat, der Kapitalismus, die Wissenschaft, das Recht, die öffentliche Meinung oder das Fernsehen es seien. Sie könne daher auch keine Schlachten mit diesen führen. Die Philosophie führe einen Krieg ohne Schlachten. Die Philosophie könne nicht mit den Mächten sprechen, habe ihnen nichts zu sagen, sondern könne nur Unterhandlungen führen. Und da die Mächte uns nicht nur äußerlich sind, sondern durch uns hindurchwirkten würde jeder von uns ständig in Unterhandlungen mit sich selbst stehen. Gerade durch die Arbeit der Philosophie (und ich bin geneigt diese Teildisziplin der Geisteswissenschaft stillschweigend auf das ganze Feld der kulturellen, geistigen, medialen, soziologischen, etc. Arbeit auszudehnen würden es uns erst möglich diese Unterhandlungen mit uns selbst, mit den Mächten die durch uns hindurchwirken, zu führen.[1]

Für mich beschreibt Deleuze eine relevante Teleologie der Praxis zeitgenössischer Geisteswissenschaft. Es ist eine Geisteswissenschaft die auf gesellschaftliche und politische Fragestellungen abzielt. Sie kreist um jeweils aktuelle Symptome der Gesellschaft. Sie bietet vorerst noch keine Lösungen, sondern eröffnet Verschiebungen der unterschiedlichen (Macht)strukturen die auf das Subjekt und seine Welt einwirken. Im besten Fall produziert die Arbeit der Geisteswissenschaften neues Wissen für diese konstant in Bewegung stehenden Unterhandlungen und ermöglicht den Subjekten auf die jeweiligen Situationen aktiv einzuwirken und sie zu verändern. 

Deleuze publiziert seine Unterhandlungen 1990. Das Postskriptum über die Kontrollgesellschaftenschließt diesen Textband. Es kann als Nachwort zu Deleuze (inneren) Unterhandlungen, die zwischen 1972 und 1990 entstanden waren, verstanden werden. Dieses Postskriptum eröffnet gleichzeitig auch ein neues Feld und expliziert in konzentrierter Form Fragestellungen, die in Deleuze Werk (nicht nur zusammen mit dem Psychoanalytiker Felix Guattari) zur dominierenden Macht unserer Gesellschaft, den Kapitalismus des ausgehenden 20. Jahrhunderts und ihrer Logik, der Kybernetik[2], immer wieder verhandelt wurden. Es bestärkt und aktualisiert dabei die Analyse Michel Foucaults zu den Souveränitäts- und Disziplinargesellschaften, die nun von den Kontrollgesellschaften abgelöst werden. Den Einschließungsmilieus des frühen 20. Jahrhunderts folge nun Modulationen von Kontrolle, die „einer sich verformenden Gußform, die sich von einem Moment zum anderen verändert“[3]gleiche. Die Einschließungsformen der disziplinargesellschaftlichen Institutionen seien in der Krise: die Familie, die Schule, die Kaserne, die Fabrik, oder auch das Gefängnis und lösten sich zugunsten neuer „ultra-schnellen Kontrollformen mit freiheitlichem Aussehen“[4]ab. Die aktuelle Form des Kapitalismus arbeite nicht mehr mit einfachen Maschinen wie noch die Souveränitätsgesellschaften oder den energetischen Maschinen der Disziplinargesellschaften, sondern mit Informationsmaschinen und Computern. Es sei eine tiefgreifende Modulation des Kapitalismus, der sich nicht länger auf die Produktion konzentriert, sondern auf das Produkt, den Verkauf und den Markt. So wird die Fabrik vom Unternehmen abgelöst, die kontinuierliche Kontrolle vom Examen und die permanente Weiterbildung löse tendenziell die Schule ab und würde sie gleichzeitig den Unternehmen ausliefern, so Deleuze. 

Deleuze, wie auch Foucault, zeichnen ein ganz bestimmtes Bild unserer Gesellschaften im ausgehenden 20. Jahrhundert, das sich heute bestenfalls radikalisiert hat. Schon 1990 wird die Ausbildung zur permanenten Weiterbildung beobachtet die gleichzeitig immer mehr den Unternehmen ausgeliefert wird. Ein Symptom das mit der Bologna Reform, der damit einhergehenden ökonomischen „Autonomie“ der Universitäten, heute Realität geworden ist. Gerade die Bildungsanstalten und insbesondere die Universität sind heute Brennpunkte einer Debatte. Mit dem Begriff der edu-factory wird heute die Universität als „wesentlicher Ort des Konflikts um den Besitz von Wissen, die Reproduktion der Arbeitskraft und die Herstellung sozialer und kultureller Stratifizierung“[5]innerhalb eines sich seit dem zweiten Weltkrieg und insbesondere seit den 1960er Jahren verändernden Arbeitsteilung und Produktionsweisen in unseren westlichen Industrienationen dominant werdenden Wissensarbeit diskutiert.  

Der Raum der Wissensarbeit

Diese Wissensarbeit hat einen Raum, metaphorisch und real. Ein Raum der ihr durch die Gesellschaft zugewiesen wird und von dem sie sich konstant und immer wieder auf andere Weise emanzipiert. Und diese Form der Arbeit hat den realen Raum der Universität, der Bibliotheken, der Kaffeehäuser und der Arbeitszimmer in den Wohnungen die allesamt in unseren Städten verortet sind. Die Analyse dieser realen Architekturen bietet uns einen spezifischen Blick auf die Modulationen und Verfestigungen der Veränderung der geisteswissenschaftlichen Arbeit und ihres zugewiesenen Raumes in der Gesellschaft zu verstehen. Direkt angeschlossen an die Machtdiskurse organisiert und repräsentiert die Architektur die Räume der Wissensarbeit und insbesondere auch der geisteswissenschaftlichen Arbeit. In ihren herausragenden Beispielen werden jedoch nicht nur die jeweils dominanten gesellschaftlichen Vorstellungen sichtbar. Die Entwürfe kreisen um jeweils aktuelle Symptome und explizieren im Moment ihrer Entstehung dabei auch die möglichen Verschiebungen innerhalb des Diskurses hin zu einer virtuellen Emanzipation. In diesem Verständnis tritt die Architektur ebenfalls in Unterhandlungen mit den Mächten die sie ursächlich definiert. 

Heute fällt der Raum der Arbeit zunehmend mit dem Raum der Ausbildung und dem Raum des Lebens zusammen. Es ist dies eine Entwicklung die ihren Ausgangspunkt nach dem zweiten Weltkrieg nimmt und allgemein mit dem Übergang vom Fordismus zum Postfordismus diskutiert wird und mit der Herausbildung eines neuen Geistes des Kapitalismus[6] assoziiert ist. Sie ist eng mit dem Gedankenmodell der Kybernetik und der Entwicklung und Einführung von Rechenautomaten verbunden, die in naher Zukunft, so der Diskurs der 1950er und 1960er Jahre die Vollautomation aller Arbeitsprozesse und damit die immerwährende Freizeit aller Arbeiterinnen und Arbeiter versprach. Die immaterielle Arbeit ist die signifikante Form der Tätigkeit die sich in dieser Entwicklung herausbildet. Maurizio Lazzarato definiert sie akkurat durch zwei Qualitäten: Zum einen ist es eine Arbeit die zunehmend die Handhabung kybernetischer Maschinen verlange. Und zum anderen sei es eine Arbeit die normalerweise nicht mit Arbeit in Verbindung gebracht werde und früher das Privileg der Bourgeoise war.

Diese Abwandlung und Reform bestehender Organisationen von Räumen und ihrem Leben seit dem Ende des zweiten Weltkriegs lässt sich in der Architektur besonders gut beobachten. Nicht umsonst verwenden Deleuze (und Guattari) immer wieder räumliche Analogien, und thematisieren den Raum sowie das Territorium. Aber auch viele Beispiele Foucaults zielen auf die Organisation von Räumen ab sei es das Krankenhaus, das Gefängnis oder der städtische Raum im Umbruch sind zentrale Motive seiner Analysen. Gerade weil die Produktion von Raum direkt mit der Macht in Verbindung steht und direkt an sie angeschlossen ist werden in ihren herausragenden Beispielen die Räume des neuen Regimes, hinter das wir nicht mehr zurück können, in konkreter und manchmal auch in experimenteller Form expliziert. Die wabernden Blasen der Architektur-Avantgarden der 1960er Jahre müssen als visionäre Metaphern der sich konstant verändernden, sich anpassenden Gussformen gelesen werden, von denen Deleuze bildhaft schreibt. Sie simulieren noch mit simplen, energetischen Maschinen die neuen Qualitäten des Raumes der Kontrollgesellschaft, was heute immateriell die Algorithmen leisten. In den weichen, anschmiegsamen Sphären werden wir auf das zukünftige Leben rhythmisiert. In diesen Klimahüllen spielen ihre Bewohnerinnen und Bewohner, wohnen und arbeiten fortan dort (auch wenn das Arbeiten heute zunehmend camoufliert wird und heute oft nur mehr von Lebenssphären gesprochen wird). Auf pragmatischer und alltäglicher Ebene wirksamer waren jedoch die Bürolandschaften, die von den Managementberatern Eberhard und Wolfgang Schnelle und einem transdisziplinären Team aus Kybernetikern, Mathematik und Künstlern Ende der 1950er Jahren in Deutschland entwickelt wurde. Die fußballfeldgroßen Innenräume waren hierarchielos in kleinen Gruppen organisiert und durch Formen der Partizipation der Arbeiter und Arbeiterinnen und die Gruppierung in Teams kontrolliert. Die Aspiration war es damals schon die administrative Arbeit durch den Einsatz von Rechenautomaten zu automatisieren. Dabei übernahmen die Maschinen und Automaten vorerst nur die wiederholbaren Arbeitsprozesse. Die Arbeiterinnen und Arbeiter wurden im gleichen Zug in dem wie man sie ansprach aufgewertet. Sie waren nun Spezialistinnen und Spezialisten: Künstlerinnen und/oder Wissenschaftler. Das chaotische Aussehen war gewollt und möglichst exakt kalkuliert um die unermessliche Extension der Innenräume kleinteilig erscheinen zu lassen. Auch hier antizipieren die Gestalter zukünftige Entwurfs- und Organisationsprozesse. Die akribische Quantifizierung insbesondere der Informationsflüsse innerhalb einer Organisation möglichst aller Arbeitsprozesse wurden die Grundlagen geschaffen eben nicht nur repetitive Arbeit, sondern auch informationsintensive Entscheidungsfindungen maschinenlesbar und -prozessierbar zu machen. Die Mittel sind Ende der 1950er Jahre und in den 1960er Jahren noch analog und involvieren Humanressourcen, die sich eifrig an der eigenen Abschaffung ihrer Arbeitskraft beteiligten um in die Freizeit entlassen zu werden. Ein weiteres Beispiel ist der niemals realisierte Entwurf des Fun Palace. Die Agit-prop Theatermacherin Joan Littlewood, der Architekt Cedric Price und der Kybernetiker Gordon Pask hatten zwischen 1962 und 1966 einen Palast für die arbeitslosen Massen Londons projektiert. Der Fun Palace war kein Haus im herkömmlichen Sinne mehr sondern vielmehr ein extensives Netzwerk. Ideell gedacht war es ein unendliches Infrastrukturgerüst in das verschieden große mit einer Vielzahl an Funktionen programmierbare und bewegliche Container gehängt waren. Es sollte ein Ort der neuen Freizeit der Arbeiterinnen und Arbeiter werden. Hier sollten sie sich treffen und voneinander vor allem lernen. Es war ein von kybernetischen Automaten orchestriertes Mitmach-Theater, das die Arbeiterinnen und den Arbeitern einen Raum zum Lernen und für Kreativität bieten sollte. Eine kybernetische Freizeitmaschine also, die Freizeit als lebenslanges Lernen inszenierte. 

Diese Beispiele[7]beschreiben allgemein die Reformen unserer Arbeitsgesellschaft durch die neuen Kontrollmechanismen. Sie explizieren die Qualitäten einer entgrenzten Arbeitsgesellschaft und ihrer neuen Architektur. Sie gehorchen der parametrischen und binären Logik eines neuen Systems das alle Formen der Arbeit und des Lebens in untrennbaren Variationen durchdringt und somit auch den neuen Rahmen für geisteswissenschaftliche Arbeit darstellt. Die wabernde Blase ist der Typ des ubiquitären, atomisierten Arbeitens. Die Angeschlossenheit an die Klimamaschine und ihre Kommunikationsapparate ist die Voraussetzung überhaupt erst aktiv werden zu können. Die Transparenz der Blasen verweist aber gleichzeitig auf die Notwendigkeit der (öffentlichen, sichtbaren, bühnenhaften) Performance der Arbeiterin und des Arbeiters. In der Bürolandschaft wird dieses atomisierte und angeschlossene Arbeitssubjekt in Teams organisiert. Der Auftrag ist nicht länger mehr klar und von außen durch den Chef gegeben, sondern ist immanenter Teil der Teamarbeit. Das Ziel kann nicht mehr verortet werden. Der Chef, der kybernetische Kapitän der den Kurs vorgibt ist als Figur verschwunden und wird durch Kontrollmechanismen in den Arbeitsgruppen für das Unternehmen versichert. Zuletzt ist es das Lernen und das Spielen das zur lebenslangen unentgeltlichen Arbeit wird die potentiell von anderen abgeschöpft wird. Dies gilt für die geisteswissenschaftliche Arbeit genau so. 

Neue Räume für die Edu-Factory

Für die Diskussion der edu-factory und in Verlängerung der Frage nach den Räumen der geisteswissenschaftlichen Arbeit ist es signifikant zu verstehen, dass es gerade in den Nachkriegsjahren in Europa eine Welle von Universitätsneubauten gab, die eine neue Form der Institution Universität erstmals räumlich-organisatorisch explizierten. In Deutschland sind die Ruhr-Universität in Bochum und die Freie Universität in Berlin bedeutende Beispiele einer wohlfahrtstaatlichen Idee der dezentralisierten universitären Ausbildung für die breite Masse einer zukünftigen proletarisierten Wissensarbeit – einer (Wissens)arbeit die nicht länger einer exklusiven, bürgerlichen und meist männlichen Gruppe der Gesellschaft vorbehalten bleibt, sondern zum Imperativ für Alle in der Gesellschaft wird.[8]

Parallel zu den gebauten Beispielen finden sich aber auch spekulative Beiträge die in der Überspitzung damaliger Diskurse die neue Form und Organisierung der Universität, der Stadt und der Gesellschaft explizieren. So zum Beispiel hat das italienische Architektenkollektiv Archizoom in ihrem Wettbewerbsbeitrag für die Erweiterung der Universität Florenz 1972 ihre im Projekt No-Stop-City formulierte Kritik am Kapitalismus wiederholt und zugespitzt. Sie skizzierten einen grenzenlosen Raum, der durch Infrastrukturelemente rhythmisiert ist. Der Lageplan zeigt ein in ein gleichförmiges quadratisches Raster unterteiltes Gebiet das nur durch die Höhenschichtenlinien einer Bergkette im Norden und den Blatträndern begrenzt wird. Jedes Quadrat ist in sich in 16 Quadrate geteilt und durch 9 Kontenpunkte markiert. Es ist kein einziges Gebäude dargestellt. Einzig die kleinen Rasterfelder werden mit Nummern belegt, die auf Funktionen verweisen. Die Gebäude, die im Modell dargestellt werden können als anonyme Lagerhallen interpretiert werden und werden ähnlich einem Relaisschaltplan miteinander verbunden. Die verschiedenen Funktionen der Universität werden in eine grenzenlose homogene Struktur eingebunden. Für Archizoom hörte die Stadt auf, ein Ort zu sein. Die Universität wird eine Kondition für die Zirkulation von Wissen als Konsumprodukt und konvergierte mit dem allumfassenden kapitalistischen Markt, wie sie das immer wieder in den Texten zu No-Stop-City erläutert haben. 

Ein anderes Beispiel, das für das Verständnis über die konkreten Räume und die Organisation einer zeitgenössischen geisteswissenschaftlichen Arbeit Bedeutung hat, ist das Projekt aus dem Jahr 1966 des kürzlich verstorbenen österreichischen Architekten Hans Hollein mit dem trockenen Titel Erweiterung der Universität Wien.

Das Projekt ist keine elaborierte architektonische Planung mit Grundrissen, Schnitten, Ansichten und Schaubildern, wie man sich einem Projekt mit derartigem Titel erwarten würde. Die Darstellung des Projekts besteht aus einem Blatt. Links ist ein Bild der von Heinrich von Ferstel geplanten Wiener Hauptuniversität, der Alma Mater Rudolphina Vindobonensis die am Beginn der großen Depression (1873-1896) und direkt nach der Weltausstellung in Wien (1873) zwischen 1873-1884 erbaut wurde. Das Bild wurde offensichtlich vom Wiener Burgtheater aus aufgenommen das am Ring schräg gegenüber steht. Rechts auf dem Blatt ist eine Collage. Ein Röhrenfernseher der 1960er Jahre und ausgefahrenen Antennen wird durch eine überdimensional gezeichnetes Kabel und einem Stromstecker ergänzt. Rechtsbündig am oberen Rand steht der Titel in Englisch: „Proposal für an extension of the University of Vienna, 1966“.

Das Fernsehgerät ist offensichtlich der Universitätserweiterungsbau, der darauf wartet an die Universität und ihre Fakultäten angeschlossen zu werden. Der Bildschirm ist noch leer. Ein weiß-graues Rauschen lässt sich erkennen. Der Fernseher ist aber eben noch nicht an die Institution angeschlossen. Es ist wichtig zu erkennen, dass der Saft, der Strom für das Fernsehgerät von der Universität kommt: Was den Apparat antreibt wird von der Universität dargestellt und gleichzeitig abgeschöpft. Was auf den Fernseher durch Luftwellen übertragen wird, bleibt in der Darstellung offen. Es liegt jedoch nahe, dass es die beiden öffentlich-rechtlichen Sender Österreichs waren die empfangen werden sollten. Das Fernsehen ist als emanzipatorischer Volksbildungsapparatur dargestellt, der mit der Wissensproduktion der Universität gespeist werden sollte. So symbolisiert das Fernsehgerät die Proletarisierung der Wissensarbeit und spiegelt die damalige sozialdemokratische Ideologie des freien Zugangs zur höheren (Aus)bildung. Potentiell kann nun jeder und jede an den universitären Programmen teilhaben die via Fernseher in die Stadt und ihre Gesellschaften zentral ausgesendet werden. 

Wissensarbeit als Konsum und die Teilhabe als immanenter Teil der Rasterung

Das Fernsehgerät hat nur ein sehr simples Interface,[9]mit dem man mit den zentral gesteuerten Inhalten interagieren kann. Man kann den Fernseher ein- und ausschalten. Der Empfangskanal kann gewechselt werden. Die Lautstärke, die Helligkeit und der Kontrast können geregelt werden. Damals waren das Knöpfe am Gerät selbst. Später ersetzte die Fernbedienung (Remote Control), diese Knöpfe am Gerät. Ab dann brauchte man seine Position vor dem Gerät nur mehr dann ändern, wenn man auf die Toilette musste, oder sich etwas zu essen besorgen wollte.[10]Die Wissensarbeit wird auf das Auswählen der Programme und das Konsumieren von vorab in einem kybernetischen Regelkreis durch Expertinnen und Experten ausgewählten Informationsinhalten reduziert. 

Die Universität wird tatsächlich zur Fabrik, zur edu-factory, in der die Wissensarbeiterin und der Wissensarbeiter zum einen als beobachtende Subjekte im Sinne der kybernetischen Feedbackschleife und ihres Mittels der Zählung, der Auswahl der Programme bestenfalls das zukünftige Programm beeinflussen. Wird eine Sendung vom Publikum öfter gesehen, partizipieren die proletarisierten und verallgemeinerten Wissensarbeiterinnen und -arbeiter öfter an einer Sendung, wird ihr Beliebtheit und Relevanz zugeschrieben und weitergeführt. Andere, weniger erfolgreiche Programme werden ersetzt. Dies entspricht der kybernetischen Demokratie, wie sie zum Beispiel Helmar Frank 1969 in Deutschland konzipiert hat. Hier wird in einem Schaltdiagramm die repräsentative Demokratie, die Abgeordneten im Parlament kurzerhand mit der Zählung ausgetauscht. Es brauche keine Verhandlung der Gesetzgebung mehr, sondern nur die einfache Auswahl durch den Wähler die zur Gesetzgebung führt. Ähnlich funktionierte auch das vom englischen Kybernetiker Stafford Beer entworfene System Cybersyn aus dem Jahr 1971. Die computergesteuerte Regierung Chiles sollte mit rechnergesteuerter Kontrolle, durch permanentes Abgleichen der Produktionszahlen sowie durch Simulationsprogramme für Experten und Expertinnen die Wirtschaftsleistung optimieren.[11]

Natürlich besteht immer noch die Möglichkeit für die neuen Wissensarbeiterinnen und Wissensarbeiter vor dem Fernseher selbst eine Sendung zu produzieren, die potentiell durch einen der beiden Kanäle ausgestrahlt werden kann. Jedoch unterliegt diese Art der Partizipation bestimmten Zwängen. Die Produktion muss durch ein ganz bestimmtes Format erfolgen. Und die Produktion unterliegt einem Begutachtungsprozess. In kybernetischen Systemen dieser Zeit sind dies Gremien und Komitees von Expertinnen und Experten die in einem konsensualen Prozess Entscheidungen treffen. 

So liegt Gerald Raunig mit seiner Beobachtung richtig, wenn er schreibt, dass die heutige, wie er sie nennt modulierende Universität„ein System des Messens und Rasterns in allen Aspekten der Wissensproduktion“[12]fabriziert. Ein zweiter Aspekt, der mit meiner Lesart von Holleins Beispiel korreliert wäre die ebenfalls von Raunig mit Rekurs auf Marx angeführte Relation der Arbeiterinnen und Arbeiter zu ihren Maschinen. „Die Bedienung der Maschinen wird hier zum Dienst an der Maschine, die Virtuosität geht von der ArbeiterIn auf die Maschine über, die lebendige Arbeit der ArbeiterInnen findet sich eingeschlossen in der Maschine.“[13]Und genau das wird mit dem überdimensionalen Stecker des Hollein’schen Steckers dargestellt. Der Saft, das Leben, die Virtuosität für die Inhalte des Fernsehers kommt von den fleißigen Wissensarbeiterinnen und Wissensarbeitern der Universität. 

Remote Control Space: Der Hörsaal und andere Räume

Die Architektur der Erweiterung der Universität Wien expliziert hier nicht mehr die reformierte Macht durch Form, sondern ausschließlich durch ein technologischen Objekt, das den Raum und das Wissen neu ordnet. Es brauche kein neues Gebäude für die Universität. Es braucht nur ein neues, technologisches Medium das die Inhalte transportieren und kommunizieren kann. Es braucht nur neuartige Apparate, die eine Universität ausweiten um im Sinne der wohlfahrtstaatlichen Idee den Zugang für die proletarisierte Wissensarbeiter und -arbeiterinnen. 

Hans Holleins Vision der zukünftigen Fernuniversität ist am Ende der 1960er Jahre in keiner Weise singulär oder gar utopisch wie man meinen könnte. Mit den neuen Mitteln der Medientechnologie wie sie Hollein 1966 mit dem einen Blatt Papier expliziert wird im Jahr darauf tatsächlich eine neuartige Universität zu planen begonnen. 1967 wurde von der damaligen Labour Regierung Englands ein Planungskomitee für die Entwicklung der Open University (OU) eingesetzt, die zur Konzeptionierung einer neuartigen Universität führte die von Anfang an auf das Medium des Fernsehens als Wissensvermittlung setzte. Die OU wurde 1969 akkreditiert und nahm im Jänner 1971 den Lehrbetrieb auf. Auch wenn die OU mit dem Walton Hall Campus in Milton Keynes verortet war, spielten Computer und insbesondere das Fernsehen und das Radio von Anfang an eine bedeutende Rolle in der Verbreitung der Lehrinhalte. Schon in 1969 wurde im damaligen BBC Hauptquartier ein Produktionsdepartment für Programme der OU eingerichtet. Die ersten Sendungen wurden gleichzeitig mit der Eröffnung der OU im Jänner 1971 über den damals neuen TV Sender BBC 2 ausgestrahlt. 

Mit der Vision Holleins und der Realität der OU wird der Raum der universitären Arbeit in bestehenden Strukturen der Stadt verteilt. Die universitäre Arbeit ist fortan ausgelagert und atomisiert. Die Arbeit wird vom repräsentativen Gebäude der Universität und seiner Vorlesungssälen entkoppelt und findet zunehmend in den Wohnzimmern der Bevölkerung statt. So verschwimmt die Grenze zwischen der Universität und der Stadt und ihren Gesellschaften. Es gibt kein Außen der Institution mehr, die durch das Fernsehgerät alle Bereiche des städtischen Lebens durchdringt. 

Es ist jedoch insbesondere das Format Vorlesung auf das die zukünftige, proletarische Wissensarbeit konzentriert wird. Mit dem Fernseher wird das dialogische Prinzip der geisteswissenschaftlichen Arbeit wesentlich verändert, das sich in seiner modernen Form in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als grundlegendes Format der Wissensvermittlung und Wissensgenerierung etabliert hatte.[14]Auch wenn die Vorlesung dem Prinzip der Ein-Weg-Kommunikation entspricht, indem der oder die Gelehrte am Pult einen Vortrag hält, so gab es virtuell immer die Möglichkeit in die top-down Wissensvermittlung im Saal zu intervenieren. Die Studierenden konnten fragen stellen, ihren Unmut äußern und protestieren und damit in einen Dialog mit den Lehrenden treten. Mit dem Apparat wird die Interaktion qualitativ verändert. Als Studierender kann ich nur in einen anderen Kanal wechseln oder den Apparat abstellen und damit aus der Kommunikation austreten. 

Das repräsentative Gebäude für die geisteswissenschaftliche Arbeit, das noch in der Gründerzeit notwendig war um die Macht der Institution Universität zu repräsentieren, wird selbst zum Bühnenbild einer neuen Inszenierung. Hollein fotografiert interessanterweise das Universitätsgebäude vom Burgtheater aus. Ganz so, als ob das große Theater nicht mehr auf der traditionellen bürgerlichen, repräsentativen Bühne stattfinde, sondern tatsächlich in der Stadt verteilt auf den Fernsehgeräten. 

Die neue Universität, wie sie Hollein darstellt, ist, wie ich meine, ein Remote Control Space, der sich auf ein singuläres Format, das der Vorlesung, konzentriert.Die Programmierung der Inhalte wird anfänglich noch von Expert/inn/enteams choreographiert und über Fernsehen und Radio übertragen. Heute werden die Inhalte jedoch zunehmend von immateriellen, schwarmähnlichen Algorithmen aus einer noch unfassbareren Ferne gesteuert und über den digitalen Kanal Internet verbreitet. Waren die Anfänge der Fernuniversität noch analog, in dem Sinne, dass es der kybernetischen Logik folgend Expert/inn/enteams waren die über die Lehrinhalte walteten und auf die Zählung der Quoten der einzelnen Sendungen als Feedback reagierte, so sind es jetzt zunehmend auf dem kybernetischen Prinzip der Zählung basierende Programme die Lehrende wie Studierende und ihre Wissensarbeit vor den heute mobilen Bildschirmen choreographieren. 

Die anderen Formate der universitären und geisteswissenschaftlichen Arbeit, das Seminar, das Kolloquium, das Symposium werden in der neuen, institutionellen Organisation der Universität marginalisiert. Nicht zuletzt hat die OU im November 2015 damit aufhorchen lassen, ihre dezentralen Bildungs- und Seminarräume aus Kostengründen aufzulassen. Gerade die Orte an denen sich die Studierenden untereinander und mit den Lehrenden während und nach den Online Kursen treffen und austauschen konnten werden von den Institutionen mit dem Verweis auf die knappen Mittel abgeschafft. Es sind aber gerade diese Räume in denen dialogische Unterhandlungen stattfinden können. Es sind gerade die Räume der Gemeinschaft, die es gilt als Virtualität für eine emanzipatorische Wissensproduktion verstehen zu lernen, die gleichzeitig der blinde Fleck der neuen institutionellen Organisation der Universität zu sein scheinen. 

 


[1]Vgl. Gilles Deleuze: Unterhandlungen, Suhrkamp, Frankfurt/Main: 1993

[2]Vgl. Striegler Vorwort

[3]Gilles Deleuze: Unterhandlungen, Suhrkamp, Frankfurt/Main: 1993, S 256

[4]Gilles Deleuze: Unterhandlungen, Suhrkamp, Frankfurt/Main: 1993, S. 255

[5]George Caffentzis, Silcia Federici: Anmerkungen zur edu.factory und zum kognitiven Kapitalismus. http://eipcp.net/transversal/0809/caffentzisfederici/de(abgerufen am 5.11.2015)

[6]Vgl.: Luc Boltanski, Ève Chiapello: Der neue Geist des Kapitalismus (UVK: 2003)

[7]Eine ausführliche Besprechung der oben angeführten Beispiele und anderer Projekte diskutiere ich in meinem Buch „Architektur immaterieller Arbeit“ (Turia und Kant, Wien: 2013)

[8]Vgl. dazu: Maurizio Lazzarato: http://www.generation-online.org/c/fcimmateriallabour3.htm (15.03.2011).

[9]Rechensysteme wie das von 1964-70 vertriebene System/360 von IBM oder ähnliche Computer waren in ihrer Entwicklung noch weit von dem was wir heute als Desktop Computer mit Eingabetastatur und Maus verstehen entfernt. 

[10]Hier sei auf zwei Texte verwiesen, die eine räumliche Fluchtlinie der Immobilisierung durch den Bildschirm hin zum Arbeiten und Leben im Bett aufzeigen, die ich in diesem Text nicht verfolge. Michael Sorkin: Family Values, in: Some Assembly Required (University of Minnesota Press: 2001), S. 191-208. Beatriz Preciado: Pornotopia, Architektur, Sexualität und Multimedia im Playboy (Wagenbach: 2010)

[11]Vgl. Claus Pias: Zeit der Kybernetik, in: ders. (Hg): Cybernetics – Kybernetik II, The Macy-Conferences 19646-53 (Diaphanes: 2004), S. 34

[12]Gerald Raunig: Fabriken des Wissens, streifen und glätten 1 (Diaphanes: 2012), S. 31

[13]Gerald Raunig: Fabriken des Wissens, streifen und glätten 1 (Diaphanes: 2012), S. 42

[14]Vgl. Carlos Spoerhase: Das „Laboratorium“ der Philologie? Das philologische Seminar als Raum der Vermittlung von Praxiswissen. In: Andrea Albrecht, Lutz Danneberg, Olav Krämer und Carlos Spoerhase (Hrsg.): Theorien, Methoden und Praktiken des Interpretierens, Berlin, München und Boston 2015, S. 53–80.